Veröffentlichungen, Dr. Norbert Pflüger
18.07.2021

Muss ich gendern, wenn mein Chef das will?

Dr. Norbert Pflüger, erschienen in F.A.S., 18. Juli 2021, Beruf und Chance, „Mein Urteil“

Namhafte Unternehmen wol­len eine gender­gerechte Sprache durchsetzen. Aber müssen sich Arbeit­nehmer daran halten? Eine Selbst­verständlichkeit vorab: Arbeit­nehmer müssen arbeiten. Die Arbeits­inhalte stehen im Vertrag. Das erfordert Kommunikation, mit Kollegen und Kunden. Beschäftigte dürfen nicht diskriminieren, also an­dere wegen des Geschlechts, der sexuellen Identität oder ethnischen Herkunft benach­teiligen. Will ein Ge­­sprächs­partner etwa weder als Mann noch als Frau ange­sprochen werden, muss dies beachtet werden. Das schreibt schon das Anti­dis­krimi­nie­rungs­gesetz vor und entspricht der Treue­pflicht gegenüber dem Arbeit­geber. Weiter gehende Pflichten lassen sich aber nicht konstruieren. Hier finden Vorgaben des Arbeitgebers ih­re Grenze im Persönlich­keits­recht des Arbeit­nehmers. Die Grund­rechte strahlen auf das Arbeits­verhältnis aus. Will der Mitarbeiter mit einem Kunden kommunizieren, kann er die deutsche Sprache ohne Gender­formen benutzen. Das wird verstanden. Kurze Sprechpausen wegen eines Gendersterns können ihm nicht abverlangt werden. Res­pekt ist keine Frage der Form, sondern der Haltung. Wer der Auffassung ist, nur gegenderte Sprache sei in der Lage, Respekt gegenüber Mitmenschen zu vermitteln, darf diesen Stand­punkt nicht durch Anweisungen gegenüber Be­schäftigten einseitig durch­setzen.
 
Norbert Pflüger ist Geschäftsführender Gesellschafter der Kanzlei Pflüger Rechtsanwälte in Frankfurt.