Veröffentlichungen, Dr. Norbert Pflüger
10.02.2019

Kann der Chef eine Fortbildung verordnen?

Dr. Norbert Pflüger, erschienen in F.A.S., 10. Februar 2019, Beruf und Chance, Seite C2, „Mein Urteil”

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden viele Arbeitsplätze verändern. Neue Anforderungsprofile entstehen. Ist dann der Einzelne verpflichtet, seine berufliche Qualifikation zu erhalten? Eine Fortbildungspflicht kann sich aus dem Arbeitsvertrag ergeben, wenn dies klar geregelt ist. Meist aber fehlen solche Regelungen. Auch ohne explizite Regelung kann der Arbeitgeber Beschäftigte zur Qualifizierung verpflichten. Der Beschäftigte muss seine Kenntnisse auf einem Niveau halten, das ihm die Berufsausübung ermöglicht. An technische Neuerungen müssen sich Arbeitnehmer anpassen, auch durch Fortbildung. Eine Sekretärin muss mit einer neuen Schreibsoftware umgehen können. Ein Anwalt muss ein Spracherkennungssystem nutzen können.

Rechtsprechung zur Qualifizierungspflicht ist rar. Das Landesarbeitsgericht Hamm hat in den 1990er Jahren entschieden, eine Bäckereiverkäuferin sei verpflichtet, eine im Verkaufsraum installierte Brötchenbackanlage zu bedienen. Eben weil sie sich an technische Neuerungen anzupassen habe (Az. 14 Sa 2054/93).

Arbeitnehmer müssen sich allerdings nicht für eine andere als die vertragliche Stelle qualifizieren. Sinnvoll kann das dennoch sein. Denn wenn sich Profile so ändern, dass der Arbeitsplatz wegfällt, droht die Kündigung. Arbeitgeber und Betriebsräte sollten daher mit freiwilligen Betriebsvereinbarungen Rahmenbedingungen für die Qualifizierung schaffen.
 
Norbert Pflüger hat eine Kanzlei für Arbeitsrecht in Frankfurt.